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Im Sommer 2001 (sogar einige Monate vor der Veröffentlichung von Windows XP) hörte die Öffentlichkeit zum ersten Mal über ein neues Betriebssystem mit dem Codenamen “Longhorn”, das angeblich eine neue Ära für Computer einläuten soll. Es ist soweit: Nach 5 Jahren konstanter Reorganisation, neuer Ideen und zahllosen Testversionen sitzen wir in New York und sind live dabei, wie Bill Gates und Steve Ballmer “Windows Vista” veröffentlichen. Interessantes Gefühl. Von Sandro Villinger
“Der Computer ist zentraler Bestandteil der Geschäftswelt und Ihrer privaten Haushalte”, bestätigt Steve Ballmer bei der Pressekonferenz am 29. Januar 2007 im Cipriani’s Restaurant, in dem über 400 Mitglieder der internationalen Presse eingeladen waren. Hier trafen wir Reporter der New York Times und CNN aber auch bekannte Microsoft-Journalisten wie Mary-Jo Foley (http://blogs.zdnet.com/microsoft) oder Bob Stein (http://www.activewin.com). “Wir werden vermutlich fünf Mal so viele Exemplare wie bei Windows 95 verkaufen” ergänzt Ballmer und bringt große Microsoft Partner wie Hector Ruiz (CEO, AMD), Todd Bradley (Executive Vice President, HP) oder Kevin Rollins (CEO, Dell) auf die kleine Bühne, um über deren Beiträge zum Vista Launch zu sprechen. Wer jedoch die CES 2007 oder die Windows-Tweaks Berichterstattung vom Vista RTM Lab in Las Vegas verfolgt hat, wird hier nichts Neues erfahren...
Die Party geht los! Die Angestellten des Ciprianis scheuchten uns zurück auf die kalten Straßen von New York City, damit wir direkt am Times Square (dem leuchtenden Herzen von Manhattan) für das Haupt-Launch-Event Schlange stehen konnten. Dieses fand im “Nokia Theatre” statt, das für diesen einen Tag liebevoll das “Windows Vista Theatre” genannt wurde. Hier treffen wir auch Nick White vom Windows Vista Team, der den offiziellen Windows Vista Blog in den USA leitet (www.windowsvistablog.com). Bill Gates und Steve Ballmer betreten zusammen die Bühne (was ein seltener Anblick ist) und erzählen der gut gelaunten Meute von Windows Vista sowie dessen neuen Sicherheitsfeatures, Multimedia-Fähigkeiten und der neuen Oberfläche
“Give Credit Where Credit is Due” Übersetzt: “Ehre, wem Ehre gebührt”. Niemand bei Microsoft, der dieses Event organisierte, hat wohl jemals von diesem kleinen Sprichwort gehört. Der Grund: Die “Living with Vista” Familien. Microsoft erwählte weltweit 50 Familien, statteten sie mit frühen Betaversionen von Windows Vista aus und ließ sie ihre tägliche Arbeit am Computer mit dem (damals noch) unfertigen Betriebssystem verbringen. Das Ziel war es, Feedback aus dem “wirklichen Leben” zu sammeln und dieses dann gebündelt an die verantwortlichen Produktteams bei Microsoft weiterzuleiten. Microsoft hat auf diese Weise nicht nur ein paar hundert Bugs lösen können, sondern auch kleinere Veränderungen an den Funktionen und der Technologie erzielt. Bereits vor über einem Jahr hörte ich von diesem Projekt und ich hielt es immer für eine wirklich hervorragende Idee. Und das ist es immer noch! Nur am Tag des Launches von Windows Vista hatte ich (pardon my french) die Schnauze von dem “Living with Vista” Projekt gestrichen voll. Warum? Das ganze Projekt wurde so künstlich aufgebläht, das es kaum noch mehr als ein Witz war:
- Die Familien bekamen ihre eigene Fotomöglichkeit mit Bill Gates, wo sie natürlich von der Mainstream-Presse begleitet wurden. Die verantwortlichen Microsoft Manager, die das Projekt und das Feedback mühevoll organisierten, wurden brav im Hintergrund behalten!
- Die Familien bekamen VIP-Sitzplätze beim Launch-Event.
- Die Familien bekamen (laut Aussage einer wirklich netten US-Familie, mit der ich am Launch-Event gesprochen habe) sogar ein vergleichsweise großes “Taschengeld” (ein paar hundert Dollar pro Tag und pro Nase), um in New York eine schöne Zeit zu haben. Natürlich wurden Flugkosten und ein teures Hotel direkt am Times Square bezahlt!
- Die Familien bekamen ihre persönliche Tour durch New York City.
- Die Familien wurden in einem 3-4 minütigen Video direkt auf der Bühne des Vista Launches weiter geehrt, wurden mehrfach von Steve und Bill erwähnt und bekamen die ersten Kopien von Windows Vista Ultimate.
Ich glaube das muss eine tolle und aufregende Zeit für die Familien gewesen sein und ich gönne jedem einzelnen diese Erinnerung (klar, so eine Zeit vergisst man nicht!). Doch die Familien bekamen hier DEUTLICH zu viel Anerkennung, während die Microsoft-Angestellten, die so hart gearbeitet haben (und vermutlich die eigenen Familien oftmals vernachlässigten), nur mit einem kleinen “Thank you Employees” (Danke an die Angestellten) behandelt wurden. Ich überlege mir noch, das Wort “behandelt” mit einem “in den Hintern getreten” zu ersetzen - was denken Sie? Ich verstehe das schon: Die Marketing-Message “Microsoft hört auf Familien - Microsoft ist offen - Microsoft ist emotional” ist natürlich deutlich intelligenter und gefundenes Fressen für die allgemeine Presse als “Microsoft dankt den eigenen Angestellten, die das Produkt konzeptioniert, entwickelt und getestet haben - wir möchten jedoch auch ein Dankeschön an die Betatester und Familien aussprechen”. Diese Reihenfolge wäre korrekt gewesen. Aber das klingt natürlich nicht nach tollen Neuigkeiten für TV-Sender, Radiostationen, Zeitungen und Magazine. Aber wissen Sie was? Diese Marketing-Messages interessieren mich nicht. Ich habe das Longhorn-/Vista-Projekt seit 2001 intensiv beobachte, das System selbst Version für Version getestet und es seit Sommer 2005 für alle meine Maschinen im Büro oder im Wohn- und sogar Schlafzimmer eingesetzt und ich denke, die Familien haben weniger als 1% des gesamten Betriebssystems tatsächlich beeinflussen können. Trotzdem bekamen sie 90% der gesamten Anerkennung des Windows Vista Launches! Ich mochte das Event wirklich sehr, es war eine Ehre dort zu sein und es war bestimmt ein Meilenstein in der Geschichte des Computers, doch DAS ist einfach nicht richtig gewesen. Deswegen schreibe ich folgende Zeilen:
DANKE AN ALLE MICROSOFT-ANGESTELLTEN, DIE AN VISTA-BETEILIGT WAREN! Ihr hattet eine großartige Vision und ihr musstet in den letzten 5 Jahren durch so viele öffentliche und interne Kritik durch. Doch ihr könnt mit Stolz zurückblicken: Ihr habt das beste Windows-Betriebssystem aller Zeiten geschaffen! Ich persönlich habe immer noch einige kleinere Probleme mit Windows Vista, doch ich benutze es nach wie vor als Hauptbetriebssystem für alle meine Aktivitäten am Computer. Es hat meinen Alltag am Schreibtisch (aber auch auf der Couch) deutlich verbessert! Danke! Ein Danke geht aber auch an die tausenden Betatester, die buchstäblich Jahre damit verbracht haben, Feedback zu sammeln und ihre Gedanken Microsoft mitteilten.
Ich weiß nicht, wie der deutsche Vista Launch ablief (ich hatte zwar auch hier eine Einladung aber ich konnte mich nicht ganz so schnell klonen), doch ich hoffe von ganzem Herzen, dass hier nicht der gleiche Blödsinn durchgezogen wurde. Bitte nicht! Das hatte einen ganz bitteren Beigeschmack für mich...
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